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Die Flaschenpost

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Elli lächelte, als sie den Blinker Richtung Machico setzte. Die Wanderung mit ihrer Gruppe war vorbei, ihre Gäste waren verabschiedet und eigentlich hätte sie direkt zurückfahren können. Aber das Meer lag praktisch auf dem Weg, also beschloss sie, einen kleinen Abstecher dorthin zu machen. 

Eine Viertelstunde später parkte sie in Machico und lief hinunter zum Strand. Die Sonne stand noch hoch genug, um das Wasser glitzern zu lassen. Elli zog ihre Schuhe aus und schlenderte am Wasser entlang. Sie dachte gerade an Alexander, der morgen wieder nach Madeira kommen würde, als etwas über ihre Füße schwappte.

„Aua.“

Sie sah nach unten und zwischen den Steinen lag eine alte Glasflasche.

„Na, was bist denn du?“

Elli hob sie auf und hielt sie gegen das Licht. Das Glas war milchig und zerkratzt, der Korken saß noch fest im Flaschenhals. Und im Inneren steckte tatsächlich ein zusammengerolltes Stück Papier. Sie drehte die Flasche hin und her, als könnte sie den Inhalt dadurch besser erkennen. Aber man sah nichts, als ein Stück Papier.

Also steckte sie die Flasche vorsichtig in ihren Rucksack, zog ihre Schuhe wieder an und machte sich auf den Weg zum Auto. Das Meer musste für heute reichen. Jetzt hatte sie schließlich etwas viel Interessanteres.

Als Elli wenig später auf der Quinta ankam, stellte sie die Flasche mitten auf den großen Tisch.

„Ich habe euch was mitgebracht.“

Paul, der gerade nach einem Stück Kuchen greifen wollte, sah erschrocken auf.

„Ist das eine Flaschenpost?“

Elli nickte zufrieden.

„Eine echte.“

„Wo hast du die denn her?“, fragte Lara neugierig.

„Machico.“

Thorsten nahm die Flasche vorsichtig in die Hand.

„Die sieht tatsächlich ziemlich alt aus. Hast du sie schon geöffnet?“

Elli sah ihn an. "Ich dachte, das machen wir gemeinsam."

„Ein sehr altes, geheimnisvolles Relikt aus längst vergangenen Zeiten.“

Paul zog die Flasche zu sich. „Vielleicht ist ja eine Schatzkarte drin.“

„Oder eine Liebeserklärung“, meinte Lara und grinste.

„Oder die Rechnung von einem Restaurant“, ergänzte Thorsten trocken.

Elli verdrehte die Augen.

„Können wir sie einfach öffnen?“

Das erwies sich allerdings als schwieriger als gedacht. Der Korken bewegte sich keinen Millimeter.

Paul versuchte es zuerst. Dann Thorsten.

„Gib her“, sagte Elli. "Ich hab da mal einen Trick gesehen."

Nach einigen Minuten und mehreren wenig hilfreichen Kommentaren von Paul löste sich der Korken tatsächlich. Elli zog vorsichtig das zusammengerollte Papier heraus. Es war vergilbt, an den Rändern fleckig und an einigen Stellen kaum noch lesbar.

Lara rückte näher.

„Und?“

„Moment.“

Elli strich das Papier behutsam glatt und begann vorzulesen:

Falls diese Flaschenpost jemals gefunden wird, hoffen wir, dass unsere Tochter eines Tages diesen besonderen Ort kennenlernt. Vielleicht verbringen wir dann wieder unseren Urlaub dort. Falls nicht, soll sie wissen, dass Madeira immer einen Platz in unserem Herzen hatte.

Darunter standen zwei Namen.

Anna & Michael

Und eine Jahreszahl.

Zumindest vermutlich.

Elli kniff die Augen zusammen.

„Was steht da? 2002?“

Lara beugte sich über ihre Schulter.

„Könnte sein.“

„Ich sehe 2003“, meinte Thorsten.

„Das kann genauso gut 2000 heißen.“

Paul sah über seine Schulter. „Ich sehe überhaupt nichts.“

„Das hilft uns sehr“, sagte Elli.

„Gern geschehen.“

Lara nahm ihr Handy und fotografierte den Brief.

„Vielleicht kann man die Schrift auf dem Foto besser erkennen.“

Sie vergrößerte die Aufnahme. Alle beugten sich über das Display.

„Zwei“, sagte Elli.

„Drei“, sagte Thorsten gleichzeitig.

„Null“, meinte Sophie.

Paul schob sich das letzte Stück Kuchen in den Mund. „Dann suchen wir eben alle Annas und Michaels, die irgendwann zwischen 2000 und 2003 auf Madeira waren. Sind bestimmt nur drei Millionen. Und damals gab es noch kein Social Media.“

Elli verdrehte lachend die Augen und nahm ihm den Brief aus der Hand.

„Sehr witzig.“

„Ich wollte eigentlich nur Kuchen essen. Ihr habt daraus eine Ermittlung gemacht.“

Elli sah ihn an.

„Noch nicht.“

Sophie lachte. „Ich kenne diesen Gesichtsausdruck.“

„Welchen Gesichtsausdruck?“

„Den, bei dem ich weiß, dass demnächst etwas Aufregendes ansteht.“

Elli lächelte.

„Schön, dass wir uns inzwischen so gut kennen.“

Am nächsten Tag lag der Brief noch immer auf dem Tisch. Und am übernächsten auch. Thorsten hatte inzwischen versucht, die Aufnahme am Computer zu bearbeiten, aber es brachte nicht viel. Es war immernoch nicht viel zu erkennen. Als Elli mit Lara im Hofcafe saß, erschien Paul plötzlich in der Tür.

„Habt ihr die drei Millionen Deutschen schon durch?“

Sie drehten sich gleichzeitig zu ihm und straften ihn mit einem bösen Blick.

„Ich gehe wieder“, sagte er und verschwand.

Angela lachte. „Jetzt habt ihr ihm aber Angst gemacht.“

Jetzt lachten alle.

Trotz Pauls Bemerkung wollte Elli die Sache nicht einfach vergessen.

„Irgendjemand hat diese Flasche ins Meer geworfen“, sagte sie. „Und derjenige hat sich dabei etwas gedacht.“

„Vielleicht müssen wir trotzdem akzeptieren, dass wir nie herausfinden, wer Anna und Michael sind“, sagte Lara nüchtern.

Elli schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Das war mir klar.“

„Wir haben doch noch gar nicht richtig gesucht.“

Lara lehnte sich zurück.

„Na dann. Wo fängt man bei zwei Vornamen und einer unleserlichen Jahreszahl an?“

Elli sah Richtung Haus.

„Bei Petra.“

Petra konnte ihnen zunächst allerdings auch nicht weiterhelfen.

„Anna und Michael?“

Sie stellte ihre Kaffeetasse ab. „Wisst ihr, wie viele Annas und Michaels in all den Jahren hier waren?“

„Hoffentlich weniger als drei Millionen“, murmelte Paul, der irgendwann dann doch wieder neugierig dazu stoß.

Elli ignorierte ihn.

„Hast du von damals noch Gästebücher? Oder alte Reservierungsunterlagen?“

Petra überlegte. „Bestimmt. Irgendwo.“

„Wo ist irgendwo?“, fragte Paul.

Petra deutete nach oben.

„Dachboden.“

Lara sah Elli an. Sie lächelte. „Sag nichts.“

„Ich wollte nur feststellen, dass ich recht hatte.“

Eine Stunde später standen sie zwischen Kartons, alten Decken, Weihnachtsdekoration und Dingen, von denen selbst Petra nicht mehr wusste, warum sie sie aufgehoben hatte.

„Was ist das?“, fragte Thorsten und zog einen alten Holzvogel aus einer Kiste.

Petra nahm ihn ihm aus der Hand.

„Der bleibt.“

„Ich habe gar nichts gesagt.“

„Aber du hast so geschaut.“

Lara saß bereits auf dem Boden und blätterte durch ein altes Gästebuch.

„Hier ist 1998.“

„Zu früh“, sagte Elli.

„2001!“, rief Thorsten von der anderen Seite.

Alexander wurde gleich nach seiner Ankunft von Elli in die Sache hineingezogen und blätterte ebenfalls durch alte Gästebücher.

Zusammen suchten sich durch die Jahre 2000, 2001, 2002 und 2003. Anna tauchte mehrfach auf. Michael ebenfalls. Aber nie gemeinsam.

Bis Lara plötzlich zwei Namen auf einer alten Reservierungsliste entdeckte.

„Ich hab sie!“

Alle kamen herüber.

Anna und Michael.

Sogar der Zeitraum passte.

Elli strahlte. „Ich wusste es.“

Über eine alte Adresse und einige weitere Hinweise gelang es ihnen zwei Tage später tatsächlich, das Ehepaar ausfindig zu machen.

Nur leider waren es die Falschen.

„Wir waren noch nie auf Madeira“, erklärte der Michael am Telefon.

Elli schloss kurz die Augen.

„Nicht?“

„Nein. Meine Frau möchte seit Jahren hin. Zählt das auch?“

Als sie auflegte, musste Alexander lachen.

„Immerhin haben wir jetzt vielleicht zwei neue Gäste für die Quinta.“

„Sehr lustig.“

„Und wir wissen, dass wir weitersuchen müssen.“

Danach wurde es einige Tage ruhig um die Flaschenpost.

Bis Petra eines Nachmittags mit einer Tasse Kaffee auf der Terrasse saß und den Brief wieder in die Hand nahm. Elli war gerade dabei, ein paar Unterlagen zusammenzusuchen, als Petra plötzlich sagte:

„Moment mal.“

Elli sah auf.

Petra betrachtete die beiden Namen.

„Anna und Michael.“

„Was ist?“

„Da war mal dieses Paar.“

Elli setzte sich sofort zu ihr.

„Du erinnerst dich?“

„Nicht richtig. Aber irgendetwas kommt mir bekannt vor.“

Petra stand auf.

„Ich glaube, wir haben an der falschen Stelle gesucht.“

„Was meinst du?“

„Ich habe noch eine Kiste.“

Elli lachte.

„Natürlich hast du noch eine Kiste.“

Diesmal fanden sie darin keine Gästebücher, sondern alte Postkarten, Speisekarten, Reservierungszettel und Fotos.

Petra nahm sich Zeit und blätterte alles durch.

Dann hielt sie plötzlich inne.

„Da.“

Auf einer alten Karte standen zwei Namen.

Anna und Michael.

Elli holte sofort die Flaschenpost. Sie legten beide Schriftstücke nebeneinander.

Niemand sagte etwas. Die Handschrift war nahezu identisch.

„Das sind sie“, sagte Petra schließlich.

Und langsam kam auch die Erinnerung zurück und sie fing an zu erzählen.

„Anna und Michael waren damals bereits über 40 gewesen. Sie hatten mehrere Tage auf der Quinta verbracht, waren viel gewandert und hatten jeden Abend lange auf der Terrasse gesessen. Anna hatte Petra irgendwann erzählt, dass sie gerade dabei waren, ein Kind zu adoptieren. Ein Mädchen.

Sie wollte mit ihr zurück nach Madeira, sobald die Adoption abgeschlossen ist“, erinnerte sich Petra. „Sie sollte unbedingt diesen Ort kennenlernen.“

Elli sah auf den alten Brief.

„Dann müssen wir sie finden.“

Alexander lachte leise.

„Natürlich müssen wir das.“

Diesmal dauerte die Suche nicht mehr lange. Mit dem vollständigen Nachnamen aus Petras Unterlagen und der alten Adresse fanden sie schließlich die Tochter der beiden.

Sie hieß Julia.

Anna und Michael selbst lebten inzwischen nicht mehr.

Von der Flaschenpost hatte Julia nie etwas gehört. Aber von Madeira.

Drei Wochen später rollte ein Mietwagen über die Zufahrt der Quinta. Petra stand gerade auf der Terrasse und goss die Blumen, als eine junge Frau ausstieg. Gleich darauf öffnete sich die hintere Tür und ein kleines Mädchen sprang aus dem Wagen.

„Mama, sind wir da?“

„Ja“, hörte Elli die Frau antworten. „Ich glaube schon.“

Elli trat aus dem Haus und blieb neben Petra stehen.

„Das muss sie sein.“

Petra stellte die Gießkanne ab und ging die wenigen Schritte über den Hof. Die Frau kam ihnen entgegen.

„Petra?“

„Ja.“

Julia lächelte unsicher. „Ich bin Julia.“

Für einen Moment sagte Petra nichts. Dann breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus.

„Willkommen auf der Quinta.“

Julia sah zum Haus, zur Terrasse und schließlich hinüber zu den Bergen. „Meine Eltern haben so oft von diesem Ort erzählt, dass ich das Gefühl habe, schon einmal hier gewesen zu sein.“

„Dann wurde es aber wirklich Zeit“, sagte Petra und nahm sie herzlich in den Arm.

Das kleine Mädchen hatte die Begrüßung inzwischen für beendet erklärt und sah sich neugierig auf dem Hof um.

„Und du bist bestimmt …“

„Mia“, antwortete sie schnell.

„Dann herzlich willkommen, Mia.“

„Gibt es hier Tiere?“

Julia lachte. „Das ist wirklich deine erste Frage?“

„Natürlich.“

„Die wichtigsten Dinge zuerst“, sagte Elli und ging mit Mia zu Francesco.

Inzwischen waren auch Lara, Thorsten, Sophie und Paul auf die Terrasse gekommen.

Petra reichte Julia den Brief.

Mit feuchten Augen strich sie über das Papier. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass ihr den gefunden habt. Meine Eltern haben mir nie etwas von einer Flaschenpost erzählt.“

„Lass uns einen Kaffee trinken“, sagte Petra und führte Julia auf die Terrasse.

Paul, der bis dahin erstaunlich still gewesen war, sah sie an.

„Gibt es dazu auch Kuchen?“

Sophie stieß ihn von der Seite an.

„Was denn? Ich frage für unsere Gäste.“

„Natürlich.“

Alle lachten, und wenige Minuten später saßen sie alle zusammen und  Petra erzählte Julia alte Geschichten von ihren Eltern. Von den Wanderungen, von langen Abenden auf der Quinta und davon, wie Anna immer wieder gesagt hatte, dass sie eines Tages mit ihrer Tochter zurückkommen würde.

Julia hörte eine Weile schweigend zu. Dann sah sie zu Mia, die gerade mit Paul darüber diskutierte, welches Stück Kuchen das größte war.

„Dann hat sie es irgendwie doch geschafft“, sagte sie.

Petra lächelte. „Sieht ganz danach aus.“

Elli sah zu Alexander. „Siehst du?“

„Was?“

„Ich habe doch gesagt, dass diese Flaschenpost gefunden werden sollte.“

Alexander legte einen Arm um sie. „Nach mehr als zwanzig Jahren, mehreren Tagen Recherche, einer falschen Anna und einem falschen Michael.“

„Aber wir haben sie gefunden.“

„Das stimmt.“

Elli nahm ihre Kaffeetasse und sah hinüber zu Julia und ihrer Tochter. Eigentlich hatte alles nur mit einem kleinen Abstecher nach Machico begonnen. Mit einer alten Flasche, die ihr gegen den Fuß gespült worden war, und einem Brief, dessen Jahreszahl niemand mehr richtig lesen konnte.

Jetzt saß die Tochter von Anna und Michael genau dort, wo ihre Eltern vor mehr als zwanzig Jahren gesessen hatten.

Und neben ihr die nächste Generation.

Die alte Flasche stand auf dem Tisch zwischen ihnen.

Leer.

Der Brief lag vor Julia. Sie strich noch einmal vorsichtig über die verblassten Zeilen und lächelte.

„Ich glaube, den nehme ich mit nach Hause.“

„Unbedingt“, sagte Elli.

Paul deutete auf die Flasche.

„Und was machen wir damit?“

Elli nahm sie in die Hand und betrachtete sie kurz.

Dann grinste sie.

„Die bleibt hier. Nach mehr als zwanzig Jahren auf Reisen hatte sie ihr Ziel schließlich erreicht.

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